Kultur

Warum der Louvre Weltruhm hat – und Berlin nicht

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Die Staatlichen Museen zu Berlin bräuchten einen Gestalter, keinen Verwalter. Sonst geht es weiter bergab. Die Besucherzahlen sind rückläufig. Eine kritische Bilanz der Ära Michael Eissenhauer. 0

Es gibt ein Jubiläum zu feiern. Zehn Jahre ist es her, da trat Michael Eissenhauer sein Amt an: Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Herr über 19 Häuser und 15 Sammlungen. Der mächtigste Job im deutschen Museumswesen, abgesehen von dem des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Den hat Eissenhauers Chef inne, Hermann Parzinger. Nun wissen wir aus vielen Zeitungsartikeln, dass Parzinger einen Goldschatz und eine Eismumie ausgegraben hat, dass er den schwarzen Gürtel trägt und in Steglitz ins Judostudio geht.

Über Michael Eissenhauer wissen wir auch nach zehn Jahren praktisch nichts. Das macht ihn schon wieder interessant, dachte ich, als ich anfing, den Kulturbetrieb nach dem Vermächtnis dieses Mannes auszufragen. Tatsächlich kamen einige verblüffende Antworten zusammen.

„Sagen wir so“, lachte einer, der wie fast alle anderen Befragten ungenannt bleiben wollte: „Ich weiß, dass er existiert.“ Es ist, als habe er eine Tarnkappe auf. Ein Ex-Kollege bescheinigte ihm „eine freundliche Inexistenz“, ein weiterer beschrieb ihn als korrekten Beamten, der hinter den Kulissen agiert.

Auch scharfe Kritiker betonten, dass Eissenhauer als Mensch und Kollege untadelig sei, es fiel sogar das altmodische Wort Ehrenmann. Nur eben der falsche für den Job. Oder ist der Job an sich falsch? Braucht man einen Generaldirektor der Staatlichen Museen, von dem man kaum etwas hört?

„Er macht nichts“, erklärte mir ein erfahrener Strippenzieher im Berliner Betrieb, „aber er kann auch nichts machen.“ Parzinger dulde keinen starken Mann neben sich. Visionen wie sein Vorgänger Peter Klaus Schuster hat Eissenhauer nie formuliert. Er möchte irgendwann die Gemäldegalerie wieder auf die Museumsinsel bringen, sagt er, aber dafür gibt es gerade keinerlei Perspektive. Aus den großen Debatten, die um Kolonialerbe und Humboldt Forum toben, hält Eissenhauer sich raus.

Sein Job als Direktor der Gemäldegalerie – seit 2016 ein zusätzliches Amt – liegt ihm offenbar mehr als der des Generaldirektors. Dort lässt Eissenhauer gerade das Foyer umbauen. Er hat auch die Wandelhalle blau anstreichen und darin Bilder aufhängen lassen. Viel mehr kann man in dem missglückten Architekturensemble wohl auch nicht machen.

Draußen auf wüsten Steinflächen stehen kleine Obstbäume, die am Tropf hängen, ein Projekt des Kunstgewerbemuseums. Das Kulturforum wirkt so attraktiv wie ein Kalkwerk im Morgengrauen.

Mit dem Museum des 20. Jahrhunderts bekommt die Gemäldegalerie einen Nachbarn, der sie endgültig in den Schatten stellen wird. Aber das dauert noch. Erst mal werden Rembrandt & Co. für Jahre hinter einer Baustelle verschwinden. Eine andere gibt es heute schon: Die Neue Nationalgalerie wird seit vier Jahren renoviert. Ihre wunderbare Sammlung ist seitdem praktisch unsichtbar.

Warum eigentlich? Als das MoMA 2004 umgebaut wurde, kamen zweihundert Meisterwerke aus Manhattan nach Berlin, das war eine Sensation, ein Blockbuster mit 1,2 Millionen Besuchern. Warum geht die Nationalgalerie nicht in Amerika auf Tournee? Oder in Japan? Oder in Australien? „Babylon Berlin“ verkauft sich ja auch in alle Welt.

„Babylon Berlin“ verkauft sich doch auch!

Stattdessen liegt die Moderne sechs Jahre lang im Depot. Eissenhauer wartet einfach ab, bis das Haus fertigrenoviert ist, dann kommt er zur Pressekonferenz und schüttelt Hände. Was soll auch passieren? Sein Arbeitgeber funktioniert wie eine Großbank: Falls doch mal was schiefgeht, springt der Staat ein.

Doch im Kulturstaatsministerium ist man längst unzufrieden mit der Performance des Hessen, der vor allem im Humboldt Forum als Verhinderer erlebt wird. Dort ist Eissenhauer Dienstherr des Sammlungsdirektors.

Seinen Museen gehört im Wesentlichen, was man im Schloss ab 2019 sehen wird. Ohne seine Zustimmung geht nichts, der Intendant Dorgerloh ist auf ihn angewiesen. Zu den 19 Häusern wird noch eines hinzukommen, noch mehr ungenutzte Macht.

Aber Monika Grütters hat es langsam satt, immer nur den Geldautomaten für die Preußenstiftung zu spielen. Jedes Jahr wolle man mehr Geld, heißt es aus der Behörde, sei aber nicht bereit, sich zu verändern, „das provoziert“.

Nun soll das selbstgenügsame Imperium analysiert werden. In diesem Herbst beginnt der Deutsche Wissenschaftsrat mit einer Evaluierung, sie wird zwei Jahre dauern. Und dann könnte es ans Eingemachte gehen. Denn die Preußenstiftung ist 2019 an einem Wendepunkt angelangt.

Mit dem Humboldt Forum wird das wichtigste kulturpolitische Projekt der vergangenen Jahrzehnte fertiggestellt. Millionen werden bei freiem Eintritt ins neue alte Schloss strömen – und die Museumsinsel nebenan wird Besucher verlieren. Über zwanzig Millionen Euro Eintrittsgelder nehmen die Staatlichen Museen Berlins ein, mit dem kostenlosen Humboldt Forum droht ihnen die Selbstkannibalisierung.

Im schönen Bode-Museum auf der Museumsinsel, von 2000 bis 2006 aufwendig renoviert, ist der Gobelinsaal nur noch an den Wochenenden und feiertags zugänglich. Die Räume der Dauerausstellung im Obergeschoss öffnen um elf statt um zehn. Es ist eine groteske Logik: Weil zu wenig Besucher kommen, gibt es weniger zu sehen. Weil es weniger zu sehen gibt, kommen weniger Besucher.

Für aufwendige Sonderausstellungen fehlt das Geld. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verfügte 2017 über ein Gesamtbudget von 331 Millionen Euro, doch für Ausstellungen und Veranstaltungen in den Staatlichen Museen standen davon gerade einmal 4,8 Millionen Euro zur Verfügung – verteilt auf fast zwanzig Häuser, vom Kunstgewerbemuseum über das Alte Museum bis zur Berggruen-Sammlung im Stülerbau.

Ohne Drittmittel und den Verein der Freunde, der jedes Jahr um die 1,5 Millionen für die Nationalgalerie einsammelt, wäre der Ofen längst aus. Die Freunde erhalten die Nationalgalerie handlungsfähig, schaffen die Voraussetzung, dass ihr Direktor nicht beim Generaldirektor betteln gehen muss.

Es sei eine sehr seltsame Erfahrung, so beschreiben es ehemalige Museumschefs, nach Berlin zu kommen und plötzlich ein Museum zu leiten, ohne Macht über Personal und Budget zu haben. Was soll an dieser Struktur ideal sein? Das konnte einem bisher noch keiner so recht erklären.

Zweitausend Angestellte hat der Preußentanker, die SPK sitzt auf Sammlungen, die Weltspitze sind, ist aber trotzdem keine Marke wie der Louvre oder das British Museum. Der Deutsche Wissenschaftsrat soll herausfinden, woran das liegt. Unabhängig.

Der Rückgang der Besucherzahlen

Aber der Rat wird von denselben Leuten getragen, die auch der Stiftung vorstehen: von den Regierungen des Bundes und der Länder. Würde der Wissenschaftsrat allzu massive Kritik üben, fiele sie auf Staatssekretäre, Kulturminister und Senatoren zurück.

Wir wagen zu prophezeien: Auch diese Evaluierung wird an der Stiftung abperlen. Eissenhauer und Parzinger werden unbeirrbar auf dem Status quo ihrer Quasibehörde beharren. Und weiter geht es wie gehabt: Die Besucherzahlen der Staatlichen Museen sanken von 4,7 Millionen im Jahr 2010 auf 3,5 Millionen 2017, das ist ein Viertel. Im selben Zeitraum ist die Zahl der Touristenübernachtungen in Berlin um vierzig Prozent gestiegen.

Besucherzahlen sind nicht alles. Aber langfristig liefert die SPK sich durch ihr alternativloses Weiter-So völlig der jeweils amtierenden Bundesregierung aus, die zuletzt für achtzig Prozent des Budgets aufkam. Wer zahlt, bestellt auch die Musik. Keiner weiß, wer in fünf oder zehn Jahren Kulturstaatsminister ist, welcher Wind dann weht.

Schon ein stagnierendes Budget nähme den Museen die Luft zum Atmen und den Kuratoren und Wissenschaftlern die Freiheit, ihre Arbeit zu machen. Diese Abhängigkeit von der Politik ist eine Gefahr, über die weder Eissenhauer noch Parzinger nachzudenken scheinen.

Es geht ja nicht darum, den Preußen etwas wegzunehmen: Wir alle wollen schließlich tolle Ausstellungen und volle Bibliotheken. Doch die Stiftung stranguliert sich selbst, so langsam, dass sie es nicht einmal mitbekommt.

Könnte man etwas anders machen? Viola König, die von Eissenhauers Vorgängern 2001 als Direktorin des Ethnologischen Museum für die Ausstellungskonzept des Humboldt Forums geholt wurde, kennt Eissenhauer und sein Reich, sie hat auch unter dessen Vorgänger Peter Klaus Schuster gearbeitet.

König erlebte Jahre, in denen die Ethnologie in den Staatlichen Museen ein Stiefkind war. Das Humboldt Forum sollte diese Situation beenden. Doch die Ethnologin ist skeptisch, ob das jetzige Konstrukt mit seinen komplexen Strukturen auf die Dauer tragfähig ist.

Die ethnologischen und asiatischen Sammlungen aus dem großen Verbund zu lösen, birgt Unwägbarkeiten, aber auch Chancen. Doch dafür hätte der General eine Provinz seines Reiches abtreten müssen, und davon will Eissenhauer nichts wissen.

Der Vorschlag, die ethnologischen Sammlungen dem Humboldt Forum zuzuschlagen, ist für ihn ein Sakrileg: „Um dieses einzigartige Universalmuseum mit seiner 200-jährigen Sammlungsgeschichte und rund 5,5 Millionen Objekten beneidet uns die Welt“, schreibt er uns. „Ich kenne niemanden, der das zerstören wollte.“ Warum ist Veränderung immer gleich Zerstörung?

Es ging Viola König nie darum, das Humboldt Forum zu schleifen, an dessen Ausstellungskonzeption sie fünfzehn Jahre mitgearbeitet hat, sondern es zu stärken. Warum soll einer, der als Unsichtbarer 18 Häuser führt, auch noch im Humboldt Forum mitmischen? Daran krankt das ganze Projekt.

Als Neil Mac Gregor kam – erzählt einer, der dabei war –, habe der kluge Mann sehr schnell gemerkt, wie wenig er in dieser Konstruktion ausrichten könne. Und dann war er auch schon wieder weg, der Heilsbringer. Ohne eine Reform der SPK wird das Humboldt Forum nur ein weiteres Museum.

Als die Stiftung 1957 gegründet wurde, hatte sie eine Aufgabe: den versprengten Kulturbesitz des untergegangenen Staates Preußen einzusammeln und bis zu einer Neuordnung nach der Wiedervereinigung beisammenzuhalten. Das hat sie getan.

Aber die Wiedervereinigung ist lange her. Keiner traut sich an die Stiftung heran, sie ist ein riesiges Provisorium, das um sich selbst kreist. Eine bloße Aufspaltung, über die Kulturstaatsministerin Grütters schon nachdenkt, bringt nichts.

Man müsste einen radikalen Schnitt machen. Man müsste die Unabhängigkeit der Stiftung stärken, statt sie zu schwächen, und gleichzeitig ihren selbstgenügsamen Trott bekämpfen. Diese Alternative gibt es. Sie würde bedeuten, der größten Kultureinrichtung in Deutschland endlich das zu geben, was sie schon 1957 hätte bekommen sollen: ein Stiftungskapital.

Mehrere Milliarden Euro, von deren Ertrag dann das Budget finanziert wird, wie im Metropolitan Museum oder im Getty Trust in Kalifornien. Dazu einen Aufsichtsrat, in dem nicht nur treue deutsche Beamte sitzen, sondern internationale Spitzenleute. Eine moderne Organisation schaffen für das Erbe: Die alten Preußen hätten es nicht anders gewollt.

Der Text ist ein Beitrag aus dem Kunstmagazin BLAU. Die November-Ausgabe bekommen Sie jetzt im Zeitschriftenhandel – und als WELT-Abonnent gratis.

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